- Geräusche werden lauter, auch die eigenen. Plötzlich hört man Ferngeräusche, die man sonst kaum vernommen hat. Kommt man in eine unsichere Situation, dann verhält man sich tendenziell wie die Tiere. Man friert seine Bewegungen ein und lauscht. Denn alles Gefährliche muss sich bewegen und damit Geräusche verursachen.
Wassergeräusche z.B. hören wir ungewöhnlich laut. Die Wahrnehmung können wir schon dadurch verändern, dass wir zwei, drei Schritte zur Seite tun, noch feiner: indem wir den Kopf von Schulter zu Schulter drehen.
- Verhältnismäßig dunkle Farben, z.B. Moosstücke im Gras, werden als schwarze Flecken und damit als gefährlich wahrgenommen. Schwarz offenbar = Gefahr. Im normalen Leben gibt es nichts Schwarzes.
- Die 3-D-Wahrnehmung geht verloren. Wir erinnern uns nur noch daran, wie die Dinge aussehen sollten. Ein Baum z.B. wird zum flachen Schattenriss gegen den helleren Himmel. Mit diesem Wahrnehmungsverlust geht uns die sichere Einschätzung von nah und fern ein Stück verloren. Unsicherheit entsteht.
- Im Dunklen wollen unsere Gedanken abschweifen. „Dunkelheit“ heißt für uns gewohnheitsmäßig „Schlafnähe“. Die Traumwirklichkeit nähert sich ein Stück mehr dem Bewusstsein. Assoziationen, Bilder, Unlogisches, Ängste tauchen leichter auf und nehmen uns gefangen. Im Dunklen nähern wir uns damit, ob wir wollen oder nicht, der unkalkulierbaren Ebene des Unbewussten.
Nacht-Gedanken
Die Nacht ist ein Denk- und Kulturtabu. Schon als Tiere waren wir Augentiere, angewiesen auf unseren besten Sinn, die optische Wahrnehmung. Wenn sie bei Nacht nicht mehr angemessen funktionierte, zogen wir uns in unsere Höhlen und Schlafkoben zurück und warteten auf den Tag. Sogar, wenn Krieg war, ruhte er mit Beginn der Dunkelheit. Der Tag war der kulturelle Rahmen, in dem wir uns entwickelten, unseren Geist schärften und unsere Seele bildeten. Sobald es Nacht wurde, zogen wir uns wie gewohnt zurück. Und das war der Fortschritt: Unsere einstigen Höhlen und Schlafkoben tauften wir um in „Haus“ und in „Wohnung“.
Im Laufe der Evolution erhielt das Augentier mit dem Bewusstsein ein Werkzeug, mit dem es die Nacht hätte meistern können, ein Navigationsinstrument für den Nachtflug. Aber das Augentier nutzte das neue Werkzeug nicht. Denn es liegt im Wesen des Bewusstseins, Bekanntes zur Orientierung einzusetzen, Erfahrungen in Schubladen einzuordnen und zu kategorisieren, um auf sie schnell und zuverlässig zurückgreifen zu können.
Bekannt waren dem Augentier aber nur die Tagdinge. Die Nachtdinge waren ihm fremd. Mit dem Entzug von Licht und Farbe verwandelten sie sich in beängstigende Schattenwesen. So wiederholte das erwachende Bewusstsein des homo sapiens dieselbe Tabuisierung der Nacht, die das äffische Augentier in grauer Vorzeit bereits praktiziert hatte. Die Nacht blieb unerforscht und unerforscht blieb damit die Hälfte unseres Lebens. Das Christentum dämonisierte diesen Teil sogar, indem es die Dunkelheit mit dem Teufel assoziierte und ihn zum Fürsten der Finsternis erhob.
Nur die Kühnsten – die Jungen, die Übermütigen, die Avantgardisten und Abenteurer, die Jäger, Dichter, Künstler und Mystiker – überquerten die Bannschwelle zur Nacht. Selten aber, indem sie das Denk- und Verhaltenstabu brachen, sondern meist, indem sie den Tag in die Nacht hinein verlängerten mit Fackel und Kerzenschein, um sich dabei dem stimulierenden Einfluss der Nacht auszusetzen für Feste, Feiern und Orgien, für Wachträume und Visionen, die sie dann bei Tag ausführten.
Je weiter die technische Zivilisation fortschritt, desto mehr war sie auch eine Technologie der Tagverlängerung, nie jedoch der Nachterforschung. Aber gerade, weil die Nacht noch jungfräulich ist, bietet sie uns eine einmalige Chance. Sie ist die andere, verdrängte Seite unserer Zivilisation, mit deren Hilfe wir wieder Kontakt herstellen können zu unseren Uranfängen, zu den Anfängen der Menschheitsgeschichte.
Wir wollen die Nacht dem Teufel wieder abjagen und die andere, die dunkle Seite des Lebens für uns gewinnen. „Equinox Night Experience“ steht für eine Wiedervereinigung von Tag und von Nacht.
